Warum ich meinen Job als Projektleiter an den Nagel gehängt habe – und jetzt Bügelbilder drucke
Teil der Serie "Hinter den Kulissen bei print2be"
Das war nicht unbedingt der Plan. Vor sechs Jahren saß ich in einer der größten Digitaldruckereien Deutschlands und leitete mehrere Teams. Mein Alltag war komplett durchgetaktet: Meetings mit der Geschäftsführung, technische Reviews mit den Entwicklern, Planung, Optimierung, Firefighting. Sechs Jahre lang. Und ich war verdammt gut darin. Die Teams liefen smooth, die Prozesse waren automatisiert, die Projektziele wurden erreicht. Alles lief. Aber eines Tages merkte ich etwas Wichtiges: Ich vermisse etwas. Ich vermisse das Gefühl, etwas Eigenes aufzubauen – nicht für ein großes Unternehmen, sondern für mich selbst.
Mein Background: Das wilde Leben im Digitaldruck
Lass mich ein bisschen ausholen, damit du verstehst, wo ich herkomme. Als Projektleiter hatte ich bei dieser großen Druckerei nicht nur ein Team zu managen – ich leitete insgesamt vier verschiedene Teams, jedes mit ganz unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen.
Da war zunächst das Warenwirtschaft-Team. Das klingt trocken, ist aber das Nervensystem der ganzen Fabrik. Bestandsverwaltung, Rohstoffe, Fertigprodukte, Lagerplatzoptimierung, denn alles muss perfekt synchronisiert sein. Ein falscher Bestand und du hast entweder Überschuss oder Mangel, und beides kostet Geld. Das Team lief relativ autonom, nachdem ich die Prozesse in den ersten zwei Jahren optimiert hatte. Die Jungs wussten, was sie zu tun hatten.
Dann das VDP-Team (Variable Data Printing). Das ist die hohe Kunst des Digitaldrucks: Jedes gedruckte Exemplar unterscheidet sich vom anderen. Kundennamen, personalisierte Angebote, unterschiedliche Layouts je nach Daten. Mein Lieblings-Use-Case waren die Kreuzfahrt-Voucher-Booklets, aber dazu gleich mehr. Das Team brauchte meine ständige Aufmerksamkeit, weil VDP einfach komplex ist. Aber es lief stabil.
Das dritte Team nannte sich intern „den neuen Scheiß" – Sorry, aber so hieß das wirklich Projekt intern! 😄 Das war die ganz große Baustelle: Version 3 der VDP-Software, von Grund auf neu gebaut. Komplett neue Programmiersprache, Microservices-Architektur statt Monolith, Self-Service GUIs für Kunden statt nur Backend-Systeme, Content-Systeme, die Reisedaten in Echtzeit verarbeiteten. Das war richtig gute Software-Architektur. Zukunftsorientiert. Die brauchten meine volle mentale Kapazität.
Und schließlich das Studenten-Team, das das Produktionssystem mit GUIs entwickelte – also die Oberflächen, mit denen die Maschinenbediener arbeiten. Auch da war ich regelmäßig involviert.
Klingt verrückt, oder? Die ersten zwei liefen einigermaßen autonom, aber die Teams drei und vier – die brauchten meine volle Aufmerksamkeit jeden einzelnen Tag.
Das Seite-3-Problem: Mein absoluter Lieblingsalbtraum
Jetzt kommt die Geschichte, die diese ganze Verrücktheit zusammenfasst. Und ich will sie dir AUSFÜHRLICH erzählen, weil sie zeigt, warum Druckerei-Logistik so absurd komplex ist.
Stell dir vor: Du machst Kreuzfahrt-Voucher-Booklets. Große, schöne Hefte, die vielleicht 40, 50 Seiten dick sind, mit Beschreibungen von Kreuzfahrt-Angeboten, Informationen, Bildern, Preisen. Sehr hochwertig. Der Kunde will, dass die Leser alles schnell finden können. Also muss es ein Inhaltsverzeichnis geben. Das Problem: Das Inhaltsverzeichnis ist verdammt lang. Es passt nicht auf eine Seite.
Normalerweise denkst du: „Okay, nehmen wir zwei Seiten für das Inhaltsverzeichnis." Und hier fängt die Kaskadenreaktion an, die mir jahrelang den Schlaf raubte.
Lass mich noch ein Detail erklären: Der Voucher selbst, dieser kleine herausreißbare Abschnitt am Ende der Seite, muss auf einer geraden (oder spezifischen) Seite sitzen, damit die Trennmaschine ihn sauber heraustrennen kann. Der Kunde hat genau definiert: „Der Voucher muss auf Seite 5 sein, und es muss auf der rechten Seite sein." Klingt einfach?
Nicht wenn das Inhaltsverzeichnis plötzlich drei Seiten braucht anstatt zwei.
Wenn das Inhaltsverzeichnis drei Seiten braucht, dann rückt der Voucher von Seite 5 auf Seite 6 oder 7. Aber der Voucher muss raustrennbar sein, und dafür muss er auf einer bestimmten Position im Buch liegen, weil die Bindungstechnik (Drähte in der Mitte, oder Klammern) nur bei bestimmten Seitenzahlen funktioniert. Bei ungeraden Seitenzahlen an den falschen Stellen passt nichts mehr.
Also brauchst du Füllseiten. Du packst leere oder mit Werbung gefüllte Seiten rein, um wieder auf eine „sichere" Seitenzahl zu kommen, bei der die Heftung und der Voucher-Schnitt funktionieren.
Aber jetzt ändern sich alle Seitenzahlen wieder. Und Seitenzahlen sind überall referenziert: Im Inhaltsverzeichnis steht „Angebot X ist auf Seite 23" – aber jetzt ist es auf Seite 27. Das Inhaltsverzeichnis muss komplett neu generiert werden. Das kostet Zeit und kann Fehler einbringen.
Und die Werbefüllseiten? Die müssen auf den ersten 10 Seiten des Booklets stehen, denn das ist eine Vereinbarung mit den Werbekunden. Aber wenn deine neuen Füllseiten später im Booklet liegen, musst du die Werbung verschieben und die ersten zehn Seiten völlig neu aufbauen.
Ach und noch was: ab einer bestimmten Seitenzahl (sagen wir, ab 60 Seiten) ändert sich das ganze Produktionsverfahren. Plötzlich brauchst du nicht mehr die Heftmaschine A, sondern Heftmaschine B, und die arbeitet mit anderen Techniken. Das bedeutet: Andere Einrichtungszeit, möglicherweise andere Reihenfolge der Produktionsschritte, andere Kosten. Nur weil Seite 3 (das Inhaltsverzeichnis) nicht mehr auf eine Seite passte!
Jo. Das ist eine Herauforderung, aber selbst das ist noch nicht das Ende: Bei jeder neuen Seitenzahl müssen deine Software-Systeme überprüfen, ob die Booklet-Konfiguration noch gültig ist.
Sind die Voucher noch an der richtigen Stelle?
Passt die Bindung immer noch?
Ist die Druckauflösung noch aktuell?
Ist die Papiersorte noch verfügbar?
Jede dieser Fragen braucht eine logische Entscheidung in der Software.
Hallo und herzlich Willkommen in meinem Kopf. Das war täglich. Nicht immer das Seite-3-Problem, aber immer solche Verkettungen. Ursache → Kettenreaktion → fünf neue Probleme. Genau darum bestand ein großer Teil meines Jobs darin, diese Verkettungen vorauszusehen und zu verhindern.
Die Software, die wir selbst bauten und warum sie wichtig war
Aber eine Sache muss ich dir klarmachen: Obwohl das alles verdammt kompliziert war – es hat mich gereizt. Es hat mir Spaß gemacht. Vor allem, wenn es darum ging, diese Komplexität zu lösen. Software zu bauen, die diese Probleme einfach wegmacht.
Mit dem Team „den neuen Scheiß" entwickelten wir komplett neu. Version 3 der VDP-Software von Grund auf. Andere Programmiersprache, Microservices statt großer Monolith, Self-Service-GUIs für Kunden statt komplizierter Telefonanrufe, Content-Systeme mit Echtzeit-Reisedaten. Das war richtig gute Software – modern, skalierbar, wartbar. Zukunftsorientiert.
Das war der Kick, den ich spürte, wenn ich daran dachte. Ein tausend-Zeilen-Problem komplett wegdesignen. Ein System bauen, das die Kaskadenreaktionen vorhersieht und verhindert. Das war geil!
Warum man manchmal alles schmeißt
Aber nach sechs Jahren merkte ich: Ich baue Systeme für jemand anderen.
Und dann habe ich überlegt: All diese Jahre, all diese Lektionen aus der Druckerei, wie z.B. die ganzen verrückten Probleme lösen, Software architektieren und Prozesse automatisieren.
So etwas wollte ich für etwas Eigenes. Nicht für jemand anderen, sondern für mich.
Die Bügelbilder-Story: Handwerk trifft Technologie
Auf der anderen Seite habe ich immer gerne mit den Händen arbeitet. Bügelbilder waren zunächst ein kleines Hobby-Experiment. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Bügelbilder sind nicht weniger komplex, als sie aussehen. Du hast die gleichen Druckprozesse, die gleichen logistischen Herausforderungen wie bei den großen Booklets. Aber die Chance? Kleinere Auflagen, schnelle Durchlaufzeiten, direkter Kontakt zum Kunden.
Jetzt kommt das Entscheidende: Ich weiß, wo die Seite-3-Probleme lauern. Ich weiß, wie man Druckprozesse optimiert. Ich weiß, wie man Software baut, die den ganzen Workflow flüssig macht. Ich weiß, wo man Zeit spart und wo man nicht sparen sollte. Ich weiß, wie man skaliert, ohne in die gleichen Fallen zu tappen.
Im April 2024 haben wir unsere erste Druckstraße gekauft und dann ging's erst richtig los, mit all den Lektionen aus sechs Jahren Großdruckerei, aber jetzt für ein kleines, agiles Business, das ich selbst kontrolliere.
Was kommt als nächstes?
Das ist erst der Anfang der Geschichte. In den nächsten Artikeln dieser Serie „Hinter den Kulissen bei print2be" erzähle ich dir, wie wir die Druckstraße aufgebaut haben, welche Überraschungen uns erwartet haben und worauf du achten solltest, wenn du anfängst selbst mit Bügelbildern zu arbeiten. Denn jemand, der 6 Jahre Projekte in einer der größten Digitaldruckereien geleitet hat, hat eine ganze Menge zu erzählen: über Fehler, um die du dich drückst, und Tricks, mit denen du Zeit sparst.